Pfarrer Martin Winterberg
Am 31. Oktober erinnern wir uns an einen Mann, der eine Debatte anstieß, indem er 95 Thesen an eine Kirchentür schlug. Was wie ein Schlusspunkt aussah, war in Wahrheit eine Einladung zum Gespräch – unbequem, aber ehrlich. Es waren die Hammerschläge des Wittenberger Mönchs Martin Luther, der damit in Wittenberg die Reformation einschlug. Es ging darum, dass die Menschen seiner Zeit ins Gespräch kommen sollten, ja, durchaus auch miteinander stritten, anstatt sich aus dem Weg zu gehen.
Genau diesen Mut zum Gespräch haben in diesem Sommer viele hundert Menschen im Ruhrgebiet neu erprobt. Am 11. Juli lud die Aktion „Das Ruhrgebiet spricht“ – als eine gemeinsame Initiative der evangelischen Stadtkirchen in Bochum, Dortmund, Duisburg und Essen – jede Menge Menschen, die sich vorher nicht kannten und mit durchaus unterschiedlichen Ansichten zu Eins-zu-eins-Gesprächen ein. Bei uns in Duisburg traf man sich auf der Wiese hinter der Salvatorkirche, mitten in der Altstadt. Menschen, die sich vorher nie begegnet wären, sprachen dort über Zukunft, Gerechtigkeit, Politik und das Zusammenleben. Das Ziel war nicht sich zu überzeugen, sondern um einander zuzuhören.
Das ist, im Kern, gut reformatorisch gedacht. Denn die Rede Martin Luthers vom „Priestertum aller Gläubigen“ bedeutete: Kein Mensch braucht einen Mittler, um vor Gott und miteinander zur Sprache zu kommen. Jede und jeder darf reden, jede und jeder soll zuhören. Mir scheint, dass diese Haltung heute nicht weniger nötig ist als vor gut 500 Jahren. Ob es um Migration, Klimaschutz oder steigende Lebenshaltungskosten geht – die Gräben zwischen unterschiedlichen Überzeugungen scheinen oft tiefer zu werden. Umso mehr zählt die schlichte Bereitschaft, sich an einen Tisch zu setzen mit jemandem, der anders denkt.
Dass die vier Stadtkirchen von Bochum, Dortmund, Duisburg und Essen diesen Dialog organisiert und ihre Plätze dafür geöffnet haben, ist kein Zufall, sondern gehört zu unserem evangelischen Selbstverständnis. Der Glaube der Reformation war nie reine Privatsache hinter Kirchenmauern. Schon Luther bestand darauf, dass Christinnen und Christen Verantwortung für das weltliche Zusammenleben tragen – nicht nur für ihr Seelenheil. Und als die evangelische Kirche 1934 in Barmen erklärte, sie dürfe sich nicht dem herrschenden Zeitgeist des Nationalsozialismus unterwerfen, sondern müsse öffentlich Zeugnis ablegen, wurde daraus ein bleibender Grundsatz: Kirche, die schweigt, wo Menschen sich nicht mehr zuhören, verfehlt ihren Auftrag. Wo Gesellschaft auseinanderdriftet, ist es unsere Aufgabe, Räume der Begegnung zu schaffen – Kirchplätze, Wiesen, Gemeindehäuser, in denen Menschen sich noch begegnen können, die sich sonst aus dem Weg gehen. Genau das war „Das Ruhrgebiet spricht“: gelebte kirchliche Verantwortung für das Gemeinwesen, kein bloßes Zusatzangebot.
Paulus schreibt: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ (Römer 12,18) Damit verspricht er keinen Frieden ohne Anstrengung, sondern er benennt eine Bedingung: „soviel an uns liegt“. Das gilt für den Einzelnen ebenso wie für die Kirche als Gemeinschaft. Nicht jedes Gespräch gelingt, nicht jeder Graben schließt sich. Aber die Verantwortung, den Raum dafür zu eröffnen, liegt an uns als Kirche insgesamt, wie an einer Stadtkirche, ebenso wie an uns als Gemeinde von Christinnen und Christen vor Ort, sowie an uns als Privatpersonen.
Der Herbst lässt die Blätter fallen und macht den Blick frei. Vielleicht ist das ein guter Moment, es den Teilnehmenden von „Das Ruhrgebiet spricht“ gleichzutun: ein Gespräch zu suchen mit jemandem, dessen Sicht auf die Welt uns fremd ist. Nicht um recht zu behalten, sondern um einander als Menschen zu begegnen.
Dazu möchte ich Sie ermutigen und grüße Sie ganz herzlich,
Ihr Pfarrer Martin Winterberg