Auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten

Nun kommt sie also wieder, die Sommerzeit. Mit allem, was dazu gehört!
Viele fahren in den Urlaub. Manche weit weg und manche bleiben hier oder machen einen Ausflug in die nähere Umgebung. Ein Urlaub bringt meistens mit sich, dass man das Land, die Stadt oder Umgebung kennenlernen will. Man geht auf die Suche nach Sehenswürdigkeiten. Und meistens macht es uns ein Reiseführer leicht: durch ihn erfahren wir, was wir unbedingt ansehen müssen, was also sehenswürdig ist. Wenn ich aber an die Urlaube zurückdenke, die mich zu besonders vielen Sehenswürdigkeiten geführt haben, dann kommen mir oft auch gerade die Dinge in den Sinn, die gar nicht in Reisführern standen. Ein Picknick in einem Park. Die Pizza in der Pizzeria, die auf dem Weg lag, ein langer Spaziergang am Fluss… Manchmal hat es Sinn, sich nicht zu sehr auf Vorgaben zu verlassen.
So ist das auch bei Menschen. Wer bestimmt denn hier, wer „sehenswürdig“ ist und wer nicht? Der, der uns auch hier zeigt, dass wir uns nicht zu sehr auf menschliche Vorgaben verlassen sollten, ist Jesus Christus: Die meisten werden die Geschichte von dem blinden Bartimäus kennen, den Jesus heilt (Mk 10,46-52). Alle Menschen laufen an dem Mann vorbei. Keiner sieht ihn an. Manche schimpfen sogar mit ihm, er solle ruhig sein. Aber Bartimäus lässt sich nicht beirren. Er ruft und schreit einfach weiter. Alle gehen vorbei und ignorieren ihn. Einer bleibt stehen: Jesus hält an und geht nicht an Bartimäus vorbei. Er wendet sich dem Mann zu und sieht und hört ihn an. Sieht die Augenbinde und den Dreck. Und sieht die Hoffnung, die aus jeder Pore dieses Mannes fließt. Er sieht ihn an, hält ihn für sehenswürdig und zeigt ihm, dass er Gottes geliebtes Kind ist. Jesus macht diesen Mann sehenswürdig: er lässt ihn aufstehen: so sind beide auf gleicher Augenhöhe. Und er lässt ihn seine Wünsche und Träume selber formulieren: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“, fragt er ihn und gibt Bartimäus damit Mitspracherecht. In dieser Geschichte wird klar: Jesus lässt sich nicht vorschreiben, wer sehenswürdig ist und wer nicht.
Er hält nichts von menschlichen „Reiseführern“, die das bei ihren Mitmenschen beurteilen wollen. Für ihn sind alle Menschen zunächst einmal würdig, angesehen zu werden, wie sie sind. Dass manche Taten hinterfragt werden können und müssen, das schließt auch Jesus nicht aus (das lernen wir aus anderen Geschichten, zum Beispiel beim Zöllner Zachäus, der seine Mitmenschen betrügt und dennoch von Jesus angesehen wird, um später auf seine Taten angesprochen zu werden).
Was heißt das dann für uns? Ich glaube, wir können von beiden Hauptpersonen der Geschichte lernen: von Bartimäus: dass wir uns nicht kleiner machen sollen als wir sind, sondern dass wir als von Gott geliebte Kinder „sehenswert“ sind.
Als solche können wir dann – wie Jesus – getrost alle menschlichen „Kategorien“ der Sehenswürdigkeit anderer über Bord werfen. Jesus sagt: Alle Menschen sind von Gott geliebte Kinder und als solche sehenswürdig. Es wäre vermessen, anzunehmen, dass uns das immer gelingt, auf alle um uns herum zu sehen als sehenswürdige, von Gott geliebte Menschen. Aber die Geschichte von Jesus und dem blinden Mann kann uns da ab und zu einen kleinen Anschubser geben.
Wenn wir mit diesem Anspruch durch die Welt ziehen, dann mag es gelingen, dass wir unverhofft schöne Dinge erleben: Ein Lächeln, das erwidert wird. Versöhnung, die möglich wird…
Gehen wir auf die Suche nach „Sehenswürdigkeiten“! Nicht nur im Urlaub, sondern auch zu Hause. In diesem Sommer und darüber hinaus!

Ihre Pfarrerin Esther Immer