Was ist schön?

Liebe Gemeinde!

Mit der Fragestellung „Was ist schön?“ umschreibt sich die aktuelle Ausstellung im Lehmbruck-Museum am Duisburger Kantpark. Es jährt sich in diesem Jahr der 100. Todestag des bekanntesten Duisburger Künstlers Wilhelm Lehmbruck. Sein Besuch in der Pariser Künstler-Werkstatt von Auguste Rodin hat ihn angeregt, sich über die Gestalt des Menschen Gedanken zu machen. Einerseits die kraftvollen und ästhetisch schönen Menschenkörper, die andererseits aber die Nachdenklichkeit des menschlichen Seins ausdrücken, wie es die weltbekannte Figur „Le Penseur“ (Der Denker) zeigt. Versunken, seinen Kopf auf die rechte Hand gestützt, so wacht er an seinem ursprünglichen Ort über dem „Höllentor“ über die menschlichen Abgründe. Er sinnt nach über des Menschen Tun und Schicksal. Dem gegenüber hat die Figur des „Sitzenden Jünglings“ (siehe rechte Seite) bei Wilhelm Lehmbruck nicht nur seine typisch lehmbruck’sche „gotische“ Längung, die sich in der Streckung der körperlichen Gliedmaßen seiner Figuren ausdrückt, sondern hier kommt noch ein tiefer melancholischer Zug hinzu. Gerade aus den persönlichen Erfahrungen seines Lebens heraus, die Umbrüchigkeit der Zeiten der Jahrhundertwende und der Katastrophe des 1. Weltkrieges, lässt Wilhelm Lehmbruck ganz neu den Blick auf das menschliche Sein werfen. Eine Gebrochenheit wird sichtbar, die gegen jedes heroische und kraftvolle Menschenbild, den Blick nun tiefer werfen lässt. Was macht den Menschen in seinem tiefen inneren Wesen aus? Was begründet ihn noch, in Anbetracht allen Elends und aller Gewalt?

Dass Schönheit sich im Auge des Betrachters begründet, ist eine altbekannte Weisheit. Und waren es die barock-prallen Menschenfiguren bis ins 19. Jahrhundert hinein, die den Menschen Wohlstand und „gutes Leben“ zeigten, so änderte sich bis in unsere Tage hinein das Ideal zur absoluten Verschlankung aller Körperlichkeit.

Bei allem Wandel von Moden und Anschauungen, die ihre Sicht der Schönheit darstellen wollen, da hat der Blick aus dem Christentum ein anderes Ideal gefunden. Es verharrt
nicht in Äußerlichkeiten, die in dem jeweiligen Blickwinkel des Betrachters verhaftet bleibt, sondern misst sich an dem, was die Gottebenbildlichkeit ausmacht. Nach dem Lobpreis Gottes: „HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel!“ (Psalm 8,2), folgt der Verweis auf den Menschen: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ (Psalm 8,6). Aus dieser Form der Gottebenbildlichkeit erhält jeder Mensch seine ihm je eigene Würde: „Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ (Prediger 3,11).

Es bleibt also dabei, dass die Bibel den je einzelnen Menschen in seiner Schönheit und Würde wahrnimmt, die nicht irgendwelchen Idealen, Moden oder Zeiterscheinungen unterworfen ist. Wir als Menschen sind je von Gott angenommen, so wie wir sind. Die Schönheit, die uns allen innewohnt, das ist die, die von Gott herkommt. Von daher sind wir Gesegnete und Ausgezeichnete. Jede und jeder Einzelne. Auch wenn uns so manches in unserem Leben und im Weltenlauf nicht erkennbar mit Sinn und Ziel bekannt sind, so ist bei aller Nachdenklichkeit doch die Tiefe unseres Lebens angefüllt mit dem Widerschein, der Teilhabe an der Schönheit Gottes. Und die bemisst sich an dem, was unsere Würde ausmacht. Und die kommt von Gott her.

Als solche „schöne Menschen“ wünsche ich Ihnen eine gute und gesegnete Sommerzeit,

Ihr Pfarrer Martin Winterberg

…und lassen sie sich anregen zu einem Besuch des Lehmbruck-Museums, in dem die angesprochene Ausstellung bis Mitte August zu sehen sein wird. Und im Anschluss flanieren Sie vielleicht noch ein wenig im Kantpark.