Blick vom Turm

Von oben einmal auf unsere Stadt Duisburg zu blicken. Südlich sogar bis nach Düsseldorf mit seinem Fernsehturm, im Osten bis zur Bottroper Eislauf-Halde und zum Oberhausener Gasometer, im Norden die qualmenden Schornsteine der emsigen Industrie und im Westen die langen „Weißen Riesen“ von Homberg und weit bis ins niederrheinische Tiefland, alles das kann man von den Türmen unserer Stadt aus sehen. Den besten Überblick hat man sicherlich vom Stadtwerke-Turm in Hochfeld, aber auch der Turm der Salvatorkirche ist eine hervorragende Aussichtsplattform, von der aus einem „alles da unten“ so klein und wuselig erscheint und man sich fast ein wenig von der Alltäglichkeit des Lebens enthoben fühlt.
Wie muss es da erst den Turmwächtern im Mittelalter ergangen sein, die als Feuerwächter die Aufgabe hatten, den stets wachen Blick über die Stadt zu halten, um frühzeitig die Bewohner warnen zu können, wenn aufziehende Rauchschwaden oder lodernde Flammen aus den engen Gassen ein drohendes Inferno ankündigten. In einem Turmzimmer hatte er es sich gemütlich gemacht und „schwebte“ somit über den Dingen und über der Stadt. Einmal muss es ihm wohl auch zu gemütlich geworden sein, denn einer der Turmwächter hatte beim Anzünden seiner Pfeife nicht genug aufgepasst und im 15. Jahrhundert selber den Turm in Brand gesteckt.
Einer, der ebenfalls eine ganze zeitlang oben auf dem Turm arbeitete und sich einen fulminanten Überblick über die damalige Stadt Duisburg verschaffte, war Johannes Corputius. Mit einer nahezu unglaublichen Präzision zeichnete dieser Schüler von Gerhard Mercator einen Stadtplan des Duisburgs seiner Zeit, in dem jedes Haus und jedes Gässchen zu erkennen sind. Auf der Grundlage seines festgehaltenen Überblicks ist u.a. die Architektenzeichnung für den Nachbau des Mercator-Hauses an der Oberstrasse geplant worden. Vor genau 450 Jahren, nämlich 1566, ist der Plan fertiggestellt worden. Wer also heute auf dem Turm der Salvatorkirche steht, der hat denselben Rundblick, wie ihn Corputius hatte und doch stellt sich die Welt ganz anders dar. Sicherlich sind die Kirchtürme in heutiger Zeit nicht mehr die alles überragenden Spitzen in den Silhouetten einer Stadt. Auch ihre Feuerwachfunktion haben sie verloren. Aber dennoch versinnbildlichen sie etwas von dem, was für eine Stadt und für die in ihr wohnenden Menschen, von unserem Anspruch her, unaufgebbar ist: Gott ist gegenwärtig und er ist es, der das Geschick der Menschen lenkt. Nicht in dem Sinne, dass er vorherbestimmt, was wir zu tun haben und uns zu Marionetten degradiert. Eher so, wie es der Psalmbeter des 33. Psalm beschreibt: Gott lenkt ihnen allen das Herz, er gibt acht auf alle ihre Werke (Psalm 33,15). Gottes Blick reicht somit weit über unseren Horizont hinaus, egal wie viele Stufen wir erklimmen, um den Überblick zu bekommen. Sein Wirken ist das, was unser Tun und Ergehen leiten will. Und das ist solches, was des Menschen Gutes und sein Heil-sein will. In alledem, was uns im Alltag begegnet und wo wir oftmals den Überblick verlieren und keine Zusammenhänge mehr erkennen können, da gibt Gott auf uns acht und will unser Herz auf den richtigen Weg führen. In einer Welt, in der ein Johannes Corputius bei seinem Blick noch klar und deutlich die Grenzen der Stadt erkennen und zeichnen konnte, da verliert sich unser heutiger Weltblick längst im Grenzenlosen und im Unübersichtlichem. Was aber über alle Zeiten hinweg gilt, das ist das Wort, mit dem der Psalmist sein Gebet beendet: Deine Güte, HERR, sei über uns, wie wir auf dich hoffen (Vers 22).

Ihr Pfarrer Martin Winterberg