Luther, ein Mensch, der für vieles herhalten musste

Martin Luther wurde für viele Zwecke gebraucht und auch missbraucht. Er wurde verehrt, er wurde verachtet. Gerüchte und Legenden dichtete man ihm an.
Wer war Martin Luther? Vieles werden Sie über ihn herausfinden können in diesem Jahr, das prall gefüllt ist mit Veranstaltungen in unserer Gemeinde und im Kirchenkreis, bundes- und weltweit mit Themen rund um Luther. Eine gute Gelegenheit, sich selber ein (neues) Bild von ihm zu machen.
Schon zu Lebzeiten sprossen die ersten Gerüchte und Legenden um den Mann des Wortes. Etwa nach seiner Heirat im Juni 1525: da flog der Dreck von vielen Seiten auf ihn und seine Frau. Ein entlaufener Mönch und eine entsprungene Nonne! Das war natürlich ein gefundenes Fressen für die Gegner Luthers und einer Zeit, die meinte, ein Kind aus solch einer Beziehung könne nur der Antichrist sein. Das erste Kind, Sohn Johannes, war ein normales Kind, Gott sei Dank freuten sich die Luthers. Luther meinte selber über seine recht spontane Heirat, dass „…das Phantasiebild von mir und dem Mädchen [Katharina] alle um den Verstand bringt und sie Gottloses denken und sprechen läßt.“ So warf man Luther vor, er habe schon als Mönch im Kloster Nimbschen mit Katharina von Bora gehurt, und sie sei von ihm gezwungen worden, ihn zu ehelichen. Nach Luthers Tod in Eisleben 1546 wurden Splitter aus seinem Sterbebett gebrochen, sie sollten unter anderem gut gegen Zahnschmerzen sein. Aus dem Mönch Luther war unter der Hand der „Heilige Martin“ geworden. Das wollten die protestantischen Sachwalter nicht dulden und verbrannten kurzerhand das Bett.
Auch das Sprüchlein von dem Apfelbäumchen, welches er noch pflanzen würde, ginge morgen die Welt unter, stammt, wie die meisten heute wissen, gar nicht von Luther. Auch nicht der gern zitierte Ausspruch bei üppigen Mahlzeiten: „Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?“ Die Derbheit allerdings, die passt sehr zu ihm, denn der folgende Satz, der stammt aus seinem Mund: „Aus einem verzagten Arsch fährt kein fröhlicher Furz.“ Beim 400. Reformationsjubiläum, 1917, wütete der Erste Weltkrieg, der von Deutschland ausging. Hier wurde Luther gebraucht und missbraucht, um den protestantischen Soldaten des Kaiserreiches Standhaftigkeit zu liefern: auf einem Bild mit betenden und versammelten Soldaten auf einem Schlachtfeld stehen die Worte Luthers: „Ein feste Burg ist unser Gott“. Die Liedzeile als Durchhalteparole im mörderischen Kampf.
In Wittenberg, in dem alten Augustiner-Kloster, in dem Luther zuerst als Mönch und später als Reformator gelebt hat, kann man an einem Torbogen einen Satz aus einer biblischen Auslegung Luthers lesen: „Niemand lasse den Glauben daran fahren, dass Gott an ihm [gemeint ist damit: an jedem, der da glaubt] eine große Tat tun will.“ Die Nationalsozialisten manipulierten dieses Lutherzitat, setzten den Ausspruch auf eine Postkarte unter ein Bildnis Hitlers, um Luther als einen Propheten aussehen zu lassen, der den Führer geweissagt habe: „Niemand lasse den Glauben daran fahren, dass Gott durch ihn eine große Tat tun will.“
In der ehemaligen, frühen DDR-Zeit galt Luther als Verräter an den Bauern durch seine parteiische Position in den Bauernkriegen. Manche Lutherstätte sollte sogar abgerissen werden. Erst später, Mitte der 1960er Jahre, gelang eine gewisse Versöhnung mit dem Reformator Luther. Heute gibt es Lutherkekse und Luthersocken, Luther-Playmobilfiguren. Das ist einerseits sehr öffentlichkeitswirksam und bringt den Luther unter das Volk. Vergessen wir darüber nicht Luther, den Menschen Luther, der vor allem zeitlebens um Gott gerungen hat, „…denn der Teufel hat mir oft ein Argument gebracht, dass ich nicht wußte, ob Gott wäre oder nicht“.
In erster Linie war und blieb Luther ein Mensch, der das Wort Gottes liebte. Er hat es in einer bestimmten Phase seines Lebens ganz neu entdeckt als eine tiefgreifende, befreiende Wahrheit, die ihm in seinem oft verzweifelten Gottesverhältnis immer wieder Trost und Gewissheit gab. Diese neue Erkenntnis hat ihn ein Leben lang getragen, er schrieb darüber spät, kurz vor seinem Tod, rückblickend: „Nun fühlte ich mich ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten.“
Und auch dazu entspann sich natürlich wieder eine Legende, oder ist es Wahrheit? dass seine Erkenntnis nun ausgerechnet am „Stillen Örtchen“ in seinem Turmzimmer im Wittenberger Kloster von ihm entdeckt wurde, wie Luther zumindest andeutet: „Diese Kunst hat mir der Heilige Geist auf dieser Cloaca auf dem Turm gegeben.“
Wer war Martin Luther? Vieles werden Sie über ihn herausfinden können in diesem Jahr, seine Genialität, aber auch seine Fehler und seine furchtbare Einstellung den Juden gegenüber.
Sie können den Menschen Martin Luther entdecken, der uns immer wieder zur Quelle, dem biblischen Wort, verweisen wird, denn: „Und ist nie keine kunst noch buch auf erden gekommen, das jedermann so bald ausgelernet hat wie die heilige schrift. Und es sind doch ja nicht leseworte, wie sie meinen, Sondern eitel lebeworte darinn, die nicht zum spekulieren und hoch zu dichten, sondern zum leben und tun dargesetzt sind.“

Ihr Pfarrer Stefan Korn

Es „luther-t“ ganz gewaltig…

…seit dem 31. Oktober. Und so wird es wohl noch das komplette kommende Jahr weitergehen bis zum 31.Oktober 2017 als Höhepunkt. Denn es gilt das Luther-Jahr, das mit dem Reformationstag 2016 ausgerufen wurde. Seine zentralen Veranstaltungen und Bedeutungspunkte finden sich im Internet unter: www.luther2017.de.
Der Reformationstag 2017, der in ganz Deutschland einmalig ein gesetzlicher Feiertag sein wird (das ist er sonst nur in Sachsen) gilt als der Tag, an dem Martin Luther vor 500 Jahren an die Türe der Schlosskirche zu Wittenberg seine 95 Thesen angeschlagen haben soll, der Auftakt der Reformation!
Ob es sich historisch wirklich mit den selbst geführten Hammerschlägen Luthers so ereignet hat, gilt mindestens als umstritten. Sicher aber ist, dass Martin Luther in seiner Auseinandersetzung um die Gerechtigkeit Gottes entdeckte, dass es nicht etwa eigene Anstrengungen sein können, die Gott gnädig stimmen, sondern dass die Gerechtigkeit alleine aus dem Glauben heraus kommen kann. Und damit stellte er den Ablasshandel seiner Kirche infrage, nach dem man sich von seinen Sünden freikaufen könne. Die Kirche ist nicht die Heilsinstanz, sondern das Heil und die Rettung lassen sich alleine in Jesus Christus finden!
Somit rückte Martin Luther die Person Jesus Christus wieder in den Mittelpunkt. Gegen die Überdeckung durch Traditionen und Riten gilt, dass Gottes Gnadenhandeln alleine durch Jesus Christus ihn gnädig gestimmt hat und Gott somit den Menschen alleine aus Glauben rechtfertigt. Damit gerät das Weihnachtsfest neu in den Fokus. Denn, so schrieb er:

„Es sollte uns fürwahr nichts fröhlicher sein in der Schrift als dies, dass Christus geboren ist von der Jungfrau Maria“.

Wie der Stich aus dem 19. Jahrhundert es zeigt, stellte man sich in gutbürgerlicher Tradition das Weihnachtsfest in der Familie Luther als geselliges Miteinander unter dem Weihnachtsbaum dar. Wobei es historisch so ist, dass es die Tradition des Christbaums zur Zeit Luthers noch gar nicht gab und Martin Luther wohl auch nicht Gitarre oder Laute spielen konnte.
Dass dennoch im Hause Luther das Weihnachtsfest eine zentrale Rolle spielte, lag sicherlich auch daran, dass er seinen Kindern die Freude dieser Geburt Jesu verdeutlichen wollte. So geht es unter anderem auf ihn zurück, dass die Tradition der Geschenke vom Nikolaus-Tag auf den Weihnachtstag verlegt wurde. So heißt es in den Schriften Martin Luthers:

„Gleichwie man die kindlin gewenet, das sie fasten und beten und jr kleiderlin des nachtes ausbreiten, das jn das Christkindlin odder Sanct Nicolas bescheren sol.“

Hier kündet sich der Umschwung schon an. Aber wohl gemerkt: Nicht am Heiligen Abend, sondern am Weihnachtsmorgen soll die Bescherung sein. Denn „des nachtes“ hatten sie ihre Kleider ausgebreitet, auf dass sie des morgens „bescheret“ wurden.
Diese Vermittlung als pädagogischer Moment, nimmt jedoch nichts von dem, worum es Luther immer ging und was bis heute das Zentrum unseres Glaubens ausmacht: In Jesus Christus kommt die unmittelbare Nähe Gottes zu uns Menschen zum Ausdruck, was uns davon befreit, dass wir selber uns vor Gott rechtfertigen müssen. Das können wir nämlich nicht. Das war Luthers größter Kampf, dass er diese Nähe Gottes zu uns Menschen wieder deutlich machen wollte, wie er sie in der Bibel gefunden hat. Gegen alle Selbstrechtfertigungsversuche, die ins Leere laufen werden, wir sind gerechtfertigt in dem Kind. Und deshalb wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes und fröhliches Weihnachtsfest!

Ihr Pfarrer Martin Winterberg