Die Rose und das Kreuz

» Pfarrer Stephan Blank

Auf dem Altar steht eine Kerze. Die Angehörigen der Verstorbenen haben sie zu ihrer Bestattung mitgebracht. Die Kerze brennt. Die zarte Flamme wehrt sich mit ihrem Licht gegen den Tod. „Gott ist stärker“, flüstert sie ihm trotzig und mutig entgegen, „das Licht der Liebe kannst du nicht auslöschen!“ Auf der Kerze ist ein goldenes Kreuz zu sehen. Eine rote Rose schenkt dem Bild ihre Farbe und Lebendigkeit. Das Kreuz, es steht für den Tod. Es erinnert zunächst auf seine Weise an die alte Dame. Viele haben sie geliebt. Das Kreuz ist nicht schwarz oder aschgrau. Es leuchtet sogar ein wenig. Vielleicht möchte die Künstlerin damit veranschaulichen, dass die Verstorbene ein gutes Herz hatte – nicht hart wie Gold, aber so rein und sogar wertvoller als Gold. Das Kreuz ist groß. Es ragt fast vom Boden bis zum oberen Ende der Kerze. Das Kreuz, der Gekreuzigte, der Christus! Wer auf die Kerze schaut, dem legt sie die Hoffnung ins Herz: Durch Jesus, den vollkommenen Menschen, in dem wir Gottes Liebe sahen, hat der Ewige dem Tod die Macht genommen, schwarzer Ort der Gottferne zu sein. Auch dort ist Licht, ist Liebe, himmlisches Gold, schöner als die Sterne! Das Kreuz: Bild für die eine Tote und für den toten Jesus von Nazareth, den wir als Gottes Sohn bekennen und der zur Quelle des Lebens geworden ist! So viele Kreuze gibt es, denke ich, Tausende und Millionen, nein Milliarden! Menschen werden zu Todesopfern unsäglicher Gewalt. Terror, Morden, Krieg: überall! Auch in jenem Land, in dem mein jüdischer Bruder Jesus, Marias und Josefs Sohn, zu seinen irdischen Zeiten lebte. Der Hass zündet den Stall an. Die Krippe brennt. In Jerusalem, im Tempel, an der Klagemauer: nur noch Klagen und Tränen! Der Hass tanzt vor Freude über das Blut der Opfer und singt seine Parolen – auch auf deutschen Straßen und Plätzen. Maria hält ihren Säugling in den Armen. Sie hat ihn noch gerade rechtzeitig aus der Krippe holen können, bevor sie ganz in Flammen aufgegangen ist. Marias ganzes Gesicht: nichts als Tränen, schwarze Spuren des Rauches, Verzweiflung! Sie küsst ihr Kind! „Ich weiß es: du wirst den Frieden bringen!“, sagt sie. Sie spricht es in ihr eigenes Herz, damit es nicht zerbricht. Sie wird ihr Kind noch einmal in den Händen halten: gut drei Jahrzehnte später: den Leichnam, den Gekreuzigten! Sie weint! Sie schreit: „Wann endlich hört das auf? Wie konntet ihr meinen Sohn ermorden – ihn: den wahren Frieden!“ Das Kreuz ist groß an der Kerze auf dem Altar. Aber die rote Rose blüht! Symbol für die Liebe! In meinen Gedanken schenke ich Maria die Rose. Ich will ihr Mut machen, will sie trösten. Doch ich kann es nicht! Da sehe ich, dass die Rose selbst neu und noch schöner blüht als zuvor. Sie duftet nach Himmel und Frieden! Sie bricht aus der Erde des Todes hervor und entfaltet ihre ganze Schönheit! Sie singt ihr Lied, ein Weihnachtslied: „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht.“ Das Lied greift die Verheißung Jesajas auf, dass einst aus der Wurzel Jesses, des Vaters Davids, der neue gesalbte Friedefürst aufsteht, der das Reich Gottes gründen wird, den Frieden, der durch den Wahn von Hass, Terror und Gewalt nicht mehr zerstört werden kann! „Du bist die schöne Rose, mein Herr und Heiland, Kind der Maria!“, bete ich, „du hast uns den Weg gezeigt, der ins Leben führt. Du bist Vorbild, Kraft, Weisung und Liebe! Du bist mächtiger als der Terror und als alle Gewalttätigen! Ich bitte dich: heile deine Welt, die Welt, die deinem himmlischen Vater gehört!“ Jesus sieht mich an, ER: das goldene Kreuz, die rote Rose! „Ich bin der Friede mit Gott!“, spricht er, „Ich bin der Sieg des Lebens! Ich bin Gottes Weihnachtsgeschenk! Der Hass in der Welt ist stark! Mich hat er ermordet – und in der Geschichte der Menschen Milliarden andere Opfer! Alle, die mich wirklich verehren und Gottes Liebe achten, die an Weihnachten aufleuchtet, sind gerufen, je in ihrer Zeit dem Frieden zu dienen. Ihr sollt Licht bringen! Ihr sollt rote Rosen sein! Jetzt – und nicht erst dereinst! Und tröstet alle verwundeten Seelen!“ Die Kerze auf dem Altar brennt. Sie ist keine Weihnachtskerze. Und sie gehört auch nicht auf einen Adventskranz. Doch heute spüre ich, dass Weihnachten nicht nur geschehen ist für frohe Festtage, sondern als Gottes großes Zeichen, als sein Trost, seine Liebeserklärung, seine Mahnung zum Frieden. Ich danke meinem Gott, dass er uns die Rose aus Jesses und Davids Stamm geschenkt hat, den gekreuzigten Herrn, das Licht der Welt.