„Erwarten Se nix!“

Liebe Gemeinde!
Vor uns liegen die Adventszeit und das neue Jahr.
An kaum eine andere Zeit im Jahr knüpfen sich so viele und verschiedenartige Erwartungen: Diesmal wird die Adventszeit besinnlich! Diesmal werden die Geschenke besonders schön! Diesmal bleibt bei der Familienfeier alles friedlich! Wie wird das sein – Weihnachten alleine? Oder in der neuen Wohnung? Im neuen Jahr wird alles anders: ich lebe gesund, sportlich, achtsam… Hinter den meisten Erwartungen steht die Sehnsucht nach einem zufriedenen und friedlichen Leben.
In kaum einer anderen Zeit im Jahr wird uns dann aber bewusst, dass viele dieser Erwartungen uns überfordern, unter Druck setzen, uns handlungsunfähig und traurig machen. Statt Besinnlichkeit gibt es Hektik, Geschenkerummel bringt Eltern an den Rand des Wahnsinns, aus Frieden wird Streit unterm Weihnachtsbaum – und im neuen Jahr ist schon alles ganz beim Alten Trott, bevor es begonnen hat. Wir erwarten von dieser Zeit viel – und raus kommt nix!
Wie wäre es aber, wenn wir es diesmal anders machen? Nach dem Motto: „Erwarten Se nix!“ – wie man bei uns im Ruhrpott so sagt.
Einfach mal keine Erwartungen, die größer und größer werden und unter Druck setzen?
So, wie die Hirten damals:
Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. (Lukas 2,8)
Für sie war es eine Nacht wie jede andere. Sie hüteten die Schafe. Und erwarteten nichts: keine Gerechtigkeit für sie als die, die zur untersten Schicht gehören, keine Befreiung von der Herrschaft der Römer, und schon gar nicht einen Engelchor und ein Kind in einer Krippe, das Frieden bringt.

Oder wie Maria und Josef:
Als Maria, Jesu Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. (Matthäus 1, 18)
Maria und Josef erwarteten ursprünglich nicht, dass sie Eltern werden – jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Und dann werden sie die allerersten Zeugen des Wunders von Weihnachten.

Oder die Weisen aus dem Morgenland:
…da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. (Matthäus 2,1+2)
Die Weisen haben nach ganz vielen Sternen geschaut – und dann diesen einen Stern entdeckt. Sie haben nach seiner Bedeutung geforscht und sind schließlich losgezogen.
Alle diese Menschen erwarteten nicht das Wunder von Weihnachten. Aber als es dann unerwartet geschieht, da …kamen die Hirten eilend (Lukas 2,16), bewegen Joseph und Maria alles in ihrem Kopf (Matthäus 1,18ff.) und in ihrem Herzen (Lukas 2, 19) oder die Weisen werden bei der Entdeckung des Sterns hocherfreut (Matthäus 2,10).

Maria und Josef, die Hirten und die Weisen – sie alle haben Sehnsüchte, vielleicht auch Erwartungen – so wie wir heute. Und das, was ihnen dann geschieht – das haben sie so nicht erwartet. Aber als es passiert, da spüren sie: dieses Kind in der Krippe nimmt alle diese Sehnsüchte und Erwartungen, allen Druck in seine Hand – und alles wird anders.

Wie befreiend wäre das?
Weihnachten feiern – ganz ohne Druck. Ins neue Jahr gehen ganz ohne unerfüllbare Erwartungen.
Und wie einfach ist das für uns! Wir haben Maria und Josef, den Hirten und den Weisen nämlich etwas voraus: Das Wunder von Weihnachten ist ja bereits geschehen! Für sie und für uns.
Also, wie wäre es? Mein Vorschlag: Versuchen wir es! Lassen wir die ganzen Erwartungen los – und werden wir gerade so reich beschenkt: Weil wir alle unsere Sehnsüchte und Erwartungen in Gottes Hände legen. Und weil auch ohne Erwartung Jesus Christus für uns da ist. Nicht nur Weihnachten, sondern in allen Zeiten unseres Lebens. Ein guter Grund, von dem aus wir das Leben neu entdecken können. Auch im nächsten Jahr.

Deshalb: erwarten Sie nix.

» Pfarrerin Esther Immer