Geh aus, mein Herz…

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
In dieser lieben Sommerzeit
An deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärten Zier
Und siehe, wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben,
sich ausgeschmücket haben.

Wenige Jahre erst herrschte Ruhe im Land, als Paul Gerhardt im Jahr 1653 dieses Lied schrieb. Über 30 Jahre hin hatte der Krieg das Land verheert, und erst 1648 war es im sogenannten „Westfälischen Frieden“ zum Friedensschluss gekommen. Neben den direkten Kriegsgräueltaten waren es vor allem Hunger und Seuchen, die rund 40% der damals lebenden Menschen dieser Krieg das Leben kostete. Eine schnelle Erholung gab es auch nach dem Ende des Krieges nicht. Neben der großen Zerstörung waren auch die Viehbestände in der Landwirtschaft fast vollständig vernichtet. Hunger, Krankheit und Elend für die Überlebenden.
Auch in seiner eigenen Biographie hatte Paul Gerhardt viele Schicksalsschläge hinzunehmen. Seine Eltern starben kurz hintereinander, als er noch ein Junge war, von seinen vier Kindern überlebte ihn nur eines, und auch beruflich gab es viele „Aufs und Abs“, bis hin zu seiner Entlassung als Pfarrer an der Berliner Nikolaikirche. Seine letzten Jahre lebte er ruhig als Pfarrer in Lübben.
Trotz des Lebens in dieser entbehrungsreichen und drangvollen Zeit strahlen seine Lieder einen Lebensoptimismus aus, der ihm nur deshalb möglich war, weil er sich sicher und fest in seinem Glauben getragen wusste. Das war seine Gewissheit, die davon wusste, dass Gott ihn nie loslassen und fallen lassen würde.

Doch gleichwohl will ich, weil ich noch
hier trage dieses Leibes Joch,
auch nicht gar stille schweigen;
mein Herze soll sich fort und fort
an diesem und an allem Ort
zu deinem Lobe neigen,
zu deinem Lobe neigen.

Lebenszuversicht auch in drangvoller Zeit, weil in Gott alles aufgehoben ist. Paul Gerhardt hat sich dem Schweren seines Lebens stellen können, weil er wusste, dass des „Leibes Joch“ nicht das letzte Wort haben wird. Gott umfängt ihn zu allen Zeiten und in allen Situationen seines Lebens.

Ob das eine Kraft für das eigene Leben sein kann, wenn man den Blick auf diejenigen werfen kann, die ihr Leben ganz und gar Gott anvertraut haben? Wenn man an ihnen sehen kann, dass das Leben auch in trüben Zeiten ein gott-gesegnetes Leben ist?
Mir geht der 104jährige Australier nicht aus dem Kopf, der in die Schweiz reiste, weil er sterben wollte. Aufgrund eines Sturzes und wegen Sehschwierigkeiten sei sein Leben nicht mehr lebenswert und „Ich bedaure es sehr, dieses Alter erreicht zu haben“.
Ist sein Anliegen gerechtfertigt? Soll jeder Mensch das Recht darauf haben, sein Leben zu beenden, wenn er subjektive Gründe dafür gefunden zu haben meint, dass „jetzt genug“ und seine Lebensqualität beeinträchtigt sei?
Das Leben annehmen zu können mit allen seinen Seiten, das kann letzten Endes nur ein in sich ruhender Mensch, der aber auch davon weiß, dass am Ende alles in Gott aufgehoben ist. Sicherlich darf es nicht um eine Verlängerung nur um der Verlängerung willen gehen. Da muss es in einer hochtechnisierten Welt auch um eine Selbstbeschränkung um des Menschen willen gehen.
Die Kraft des Lebens mitten im Leben, die kommt aus dem Segen Gottes, und dass Sie diesen spüren, das wünsche ich Ihnen in dem Sommer dieses Jahres.

Hilf mir und segne meinen Geist
Mit Segen, der vom Himmel fleußt;
dass ich dir stetig blühe;
gib, dass der Sommer deiner Gnad
in meiner Seele früh und spat
viel Glaubensfrüchte ziehe,
viel Glaubensfrüchte ziehe.

Pfarrer Martin Winterberg