Der Stern leuchtet

Der kleine Junge hockte auf dem Fußboden und kramte in einer alten Schachtel. Er förderte allerhand wertlose Dinge zutage – darunter auch einen glänzenden Stern. „Was ist das?“, fragte er seine Mutter.

„Ein Weihnachtsstern“, antwortete sie, „etwas von früher, von einem alten Fest.“ „Was war das für ein Fest?“, fragte der Junge.

„Ein langweiliges“, sagte die Mutter, „die ganze Familie stand in der Wohnstube um einen Tannenbaum und sang Lieder. Und an der Spitze der Tanne befestigte man den Stern. Er sollte an den Stern erinnern, dem die Hirten nachgingen, bis sie den kleinen Jesus in der Krippe fanden.“

„Den kleinen Jesus“, fragte der Junge, „was soll das nun wieder sein?“ „Das erzähle ich dir ein anderes Mal“, sagte die Mutter. Und damit öffnete sie den Deckel des Müllschluckers und gab ihrem Sohn den Stern in die Hand. „Du darfst ihn hinunterwerfen und aufpassen, wie lange du ihn noch siehst.“

Der Junge warf den Stern in die Röhre und lachte, als er verschwand. Aber als die Mutter wieder kam, stand er wie vorher über den Müllschlucker gebeugt. „Ich sehe ihn immer noch“, flüsterte er. „Er glitzert. Er ist immer noch da.“

(Marie Luise Kaschnitz)

Werden wir eines Tages so Weihnachten erinnern: Das war mal ein schönes Fest, aber man hat es längst in den Müllschlucker geworfen und entsorgt? Es bedeutet den Menschen nichts mehr. Sie verstehen die Bilder und Symbole nicht mehr. Den Inhalt von Weihnachten schon gar nicht. Was Marie Luise Kaschnitz geschrieben hat: Ist es zu düster? Zu pessimistisch? Oder ist es ein nüchterner Blick auf die Tatsache, dass viele Bürgerinnen und Bürger mit uns als Kirche nicht mehr viel anfangen können?

Oder macht die Schriftstellerin uns mit ihrer Erzählung Mut, eine bleibende Sehnsucht des Menschen nach der Weihnachtsbotschaft aufzugreifen? Der Weihnachtsstern – er glitzert noch. Von weit her, dem Menschen, der mit Glaube und Heiligabend und Kirche im Grunde Schluss gemacht hat – wie das Kind, das den Stern in den Müllschlucker befördern darf.

Aber da ist noch was. Der Junge blickt gebannt hinterher. Es glitzert noch. Ich glaube, da glitzert immer noch was bei uns in Kirche. Etwas, das den Menschen anrührt. An Weihnachten wieder ganz bestimmt. Da fasziniert den Menschen etwas. Menschen beugen sich vor, um es zu erfassen, was sie entsorgt haben und anscheinend nicht vermissen würden – und sie vermissen darin doch etwas. Es ist immer noch da, der Glanz. Ein Licht. Was mag es sein? Vielleicht dies: In der Geburt Jesu macht Gott sein Herz weit auf. Seine Liebe besucht uns. Sie kommt dorthin, wo wir uns aufhalten, in unsere Dunkelheit und in den Nebel unseres Lebens, in dem wir nicht mehr durchblicken und uns nicht mehr auskennen. Diese Weihnachtsbotschaft suchen Menschen noch immer, weil die Geburt Jesu im Tiefsten anrührt und jedem Menschen zum Leben verhelfen möchte.

Es glitzert noch immer. Es ist immer noch da. Es fasziniert.

Ihr Pfarrer Stefan Korn