„High Noon“ in Duisburg…

…zumindest was die Reformationsdekade anbetrifft. Seit nunmehr 10 Jahren wurde die 500. Wiederkehr des Thesenanschlags von Wittenberg von der Evangelischen Kirche in Deutschland vorbereitet. Jedes Jahr stand seit 2007 unter einem bestimmten reformatorischen Motto. Und am 31. Oktober 2017 ist nun der ultimative Höhepunkt. Nachdem den Kirchen ein gesetzlicher Feiertag nach dem anderen weggenommen wurde (man denke nur an die Auseinandersetzungen um den Buß- und Bettag), ist der 31. Oktober in diesem Jahr zumindest einmalig zum gesetzlichen Feiertag in ganz Deutschland erhoben worden. Am Reformationstag wird es einen Festgottesdienst in Duisburgs „feiner Stube“, der Mercator-Halle geben. Für 11 Uhr ist er geplant unter dem Motto „Zur Freiheit befreit – 500 Jahre Reformation – in Duisburg“. Ganz sicher wird es ein großartiger Gottesdienst mit vielen festlichen Momenten. Nach dem großen Kreiskirchentag im Juli auf der Königstraße zwischen Forum und Stadttheater, über 40 Veranstaltungen zur Reformation in den Gemeinden, ist der 31. Oktober der Tag, der daran erinnert, dass mit den Hammerschlägen an der Wittenberger Schlosskirche die 95 Thesen Martin Luthers angeschlagen wurden und damit die Reformation begann. Nun sind die Hammerschläge historisch nicht verbürgt, aber unbestreitbar ist die Veröffentlichung der Thesen Luthers ein Epocheneinschnitt nicht nur für die Differenzierung der kirchlichen Strukturen in den Ländern des damaligen Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, sondern bedeutete auch einen Epochenwechsel für die Mündigwerdung des Christen von dem Kaiser und der Kirche. Zugleich eine Wegbereitung der Individualisierung des Einzelnen vor Gott. Nun war nicht mehr die Kirche die alleinige Heilsinstanz, sondern der je einzelne Mensch galt als vor Gott gerechtfertigt alleine aus Glauben und Gnade heraus.

Alles dies gilt es zu feiern. Zu Recht.
Die Frage, die aber dahinter steht, wenn der Moment des Höhepunktes am 31. Oktober vorbei sein wird, das ist die danach, wie es denn mit der Kirche nach dem „hype“ weitergehen wird. Denn, dass bei allem Feiern und gerechtfertigter Freude, die Zeichen für die Kirche eher in stürmische Richtungen weisen, das wird nicht alleine an abstrakten Zahlen deutlich. Die Anzahl der Gemeindeglieder geht zurück, Kirchen stehen zur Schließung an, die Zahl der Pfarrstellen wird sich reduzieren, es gibt nicht genügend Theologiestudierende, die die zur Pension anstehenden Pfarrer und Pfarrerinnen ersetzen können. Darüber wird nachzudenken sein ab dem 1. November 2017.

Zugleich aber, und das ist dann das Entscheidende, was uns als Kirche und damit als Gemeinschaft der Christinnen und Christen ausmacht, gilt es sich darauf zu besinnen, wo die Wurzel unseres christlichen Glaubens liegt. Und hier hat die Reformation den Fingerzeig klar auf Jesus Christus gerichtet. Er alleine ist das Zentrum unseres Glaubens und alles das, was Kirche schafft, macht und erreicht, das ist nur ein menschlicher Ermöglichungsraum für das Leben unseres Glaubens. Diese Möglichkeiten aber sind nur Möglichkeiten und keine Festlegungen. Eine Festlegung gibt alleine Gott in seinem Sohn Jesus Christus, in ihm gilt das, was das Zentrum unseres Glaubens ausmacht. Er sagt von sich: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten (Johannes 6,35). Der Glaube an Gott bindet sich also nicht an das, was wir als Kirche erschaffen und gestalten, sondern alleine an den einen Grund, welcher Jesus Christus ist.

Insofern sind alle institutionellen Rahmenbedingungen nur menschliche Versuche, um den Glauben zu leben. Gott bindet sich aber nicht alleine daran. Gott bindet sich alleine an Jesus Christus. Und von dieser reformatorischen Erkenntnis her braucht einem nicht bange zu sein um die Zukunft der Kirche. Jesus Christus selber ist das Brot des Lebens. Und er ist Gegenwart und Zukunft von Kirche. Um ihn sich zu sammeln, das heißt den Glauben zu leben. Und so bleibt Kirche immer eine zu reformierende. In jeder Zeit neu. Auch nach dem 31. Oktober 2017 auf die Zukunft hin.
Ihr Pfarrer Martin Winterberg