Mut zur Lücke

Liebe Gemeinde!

Nun ist es „gefühlt plötzlich“ März. Geht es Ihnen auch so: Das neue Jahr sieht für mich doch schon recht alt aus.
Es finden sich jetzt auch schon die Lücken in den Vorsätzen, die noch gar nicht so alt sind: Da fehlt die Zeit, die ich mir nehmen wollte oder die Motivation für das Neue hat schon nachgelassen und schon ist man im gewohnten Trott…

Lücken fallen auf. In unserem Reden und Denken hat die Lücke meist einen negativen Beigeschmack, aber der Blick auf die Sprache zeigt eigentlich etwas anderes: Das, was eine Lücke schließt, heißt „Ge-Lücke“. Das, was die Lücke schließt, was genau passt ist „Gelück“ oder: „Glück“.

In der Bibel gibt es viele Worte zum Thema Glück; zum Bei spiel der Psalm 1 spricht vom Glück:
Die Freude an Gottes Wort (Psalm 1)
Glücklich ist der Mensch,
der in dieser Weise lebt:
Er folgt nicht dem Vorbild der Frevler und er betritt nicht den Weg der Sünder. Mit Leuten, die über andere lästern, setzt er sich nicht an einen Tisch.

3 Er gleicht einem Baum,
der am Wasser gepflanzt ist.
Seine Früchte trägt er zu seiner Zeit und seine Blätter welken nicht. Alles, was er tut, 
gelingt ihm gut.
(Übersetzung: BasisBibel)

Der Mensch ist glücklich, der sich als Weiser in Gott gründet, so wie ein lebendiger, kräftiger, gut versorgter Baum. Und wer so lebt, dem wird wiederum auch das gelingen, was er anpackt. Ein solcher Mensch ist verwurzelt in Gott. Er lebt im Gefühl von Ganzheit und Geborgenheit, dem Empfinden, geliebt und gewollt zu sein.

Dahinter steckt die Überzeugung: das, was ich durch weise Einsicht und kluges Handeln anstrebe, führt auch zum Erfolg. Es ist das, was mir „glückt“.

Jesus Christus sieht das ähnlich: Er steigert diese Aussage noch, indem er sagt, wie ein Mensch glücklich, wie er selig werden kann (Matthäus, 5,3).
„Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.“

Oder wie es die Basisbibel übersetzt:

„Glückselig sind die, die wissen, dass sie vor Gott arm sind. Denn ihnen gehört das Himmelreich.“
„Selig“ oder „glücklich“ sind die, die bei sich selbst eine Lücke erkennen: Da ist ein Durst in mir, den ich nicht selber stillen kann. Ich merke, dass ich jenseits meiner eigenen Kräfte und Möglichkeiten, jenseits meiner eigenen Leistungsfähigkeit auf Gott angewiesen bin.

Glücklich sind die, die darum wissen, dass ihnen Gelingen und die Erfahrung, dass die Dinge passen, dass dies alles nur geschenkt werden kann und die daher mit sich und anderen barmherzig sein können.

Die Lücke macht mir erst bewusst, was ich mir selbst nicht geben kann. Lücke ist dann nicht negativ besetzt. Das Erleben der Lücken öffnet uns einen Raum zu Gott, ein Fenster zum Himmel.

Glücklich ist, wer Mut zur Lücke hat, und gerade darin Platz für die Fülle Gottes findet. Glücklich ist, wer sich unterbricht in seinem Tun, so wie es der Psalmbeter empfiehlt Diese „Kunst der Unterbrechung“ einzuüben, ist das, was wir an unseren Sonntagen, mit unseren Gottesdiensten, mit unseren Ruhetagen, Andachten und Pilgerwegen tun.

Das führt mich zur Einsicht: Das Wesentliche liegt nicht in unserer Hand: Es wird uns geschenkt. Darum: Lassen Sie uns ruhig ein bisschen mehr Mut zur Lücke haben.

» Pfarrerin Esther Immer